Love unsettled, unbound.

I’ve seen your golden-brown hair, tasted your smell, felt your silence and your spoken presence. You live within me, for now and forever. 

Advertisements

UnlustAG I

Andere schreiben Bücher. Ich denke mir, das kann ich auch. Zumal ich alle Bücher nach spätestens dreißig Seiten unerledigt weglege, bis sie sich mahnend auf allen möglichen Ablageflächen stapeln, sodass ich sie schließlich verschenke. Ich schreibe ein Buch, weil ich keine Lust habe. Keine Lust auf gar nichts. Das ist eine Bewältigungsstrategie, oder doch mehr manifestierte Unlust. Zeit. Langeweile. Keine Verpflichtung. Kein Kindergeschrei. Etwas Trauer. Ein bisschen Fröhlichkeit und Leichtigkeit ob der Freiheit, die doch da ist.

Was würde ich selbst gerne lesen? Nichts? Etwas, das mich die Zeit vergessen lässt. Zeit ist schwer. Wie eine zu schwere, erdrückende Decke, die man wegschlagen will, um wieder atmen zu können. Doch Zeit drückt. Es drücken die Hoffnungen, die Pläne, die Wünsche, die man irgendwann noch mal erfüllt haben möchte.

Ich würde jetzt gerne in einer Tram sitzen, auf dem Weg zum Meer, ich würde gerne blauen Himmel sehen und mich auf salzige Luft vorfreuen. Ich hätte gerne kein Buch in der Hand und ich hätte gerne einen Plan. Was sagt das über mich? Kein Plan? Kein Meer? Ja. Und warum will ich das? Es ist mühsam. Es ist mühsam, sich ständig Gedanken machen zu wollen, was jetzt ist, warum das jetzt ist und wie man sich dabei fühlt. Am besten fühle ich mich, wenn Jemand meinen Kopf streichelt und ich wie ein Baby hinabsinke in tiefere Entspannungsebenen. Will man einfach nur wieder zurück? Zurück in die Geborgenheit und Ahnungslosigkeit? Abschalten. Ist Nicht-Denken vielleicht doch die beste Medizin? So zumindest beschreiben es, – zugegeben recht oberflächlich wiedergegeben –, alte buddhistische Schriften. Nicht denken, sich keine begrifflichen Vorstellungen machen. Zack. Glücklich. Wenn es so einfach wäre. Oder wenn einem das einfache Glück so einfach genügen würde.

Was will man denn? Wann will man denn? Man hat einfach so verdammt viel Zeit. Wenn man ehrlich ist. Der ganze Stress kommt nur von zu viel Zeit. Irgendwie muss man die ja füllen. Je mehr Zeit, desto mehr Plan braucht es. Vorsorge. Sicherheit. Langfristige Ziele. Ich lebe innerlich Tag für Tag. Manchmal taucht der Zweifel auf, ob das Angst vor Beständigkeit und Verbindlichkeit ist. Darauf, sich einzulassen. Aber das könnte auch schon wieder angelesenes Psychowissen sein. Und da weiß ich dann schon wieder nicht mehr, was ich glauben soll.

Ich bin müde. Etwas wissen zu müssen. Etwas tun zu müssen. Etwas sein zu sollen. Bin doch da. Neulich habe ich das Backen für mich entdeckt. Das ist fast wie Sandmandalas erstellen, nur dass man hinterher dicker ist und sich etwas voller statt leerer fühlt.

Mal anders gefragt. Was hätte ich mir denn bitte gewünscht? Denn anscheinend ist mir diese Leere und Langeweile ja nicht ganz recht. Ich fürchte ich bin nicht ganz fremdmeinungsfrei. Heißt, ich denke vermutlich, dass ich mindestens ein, zwei Kinder um mich haben sollte, um die ich mich tagaus, tagein, kümmern müsste. Dazu ein liebevoller, aber natürlich nicht langweiliger Lebenspartner, der mich für meine liebevolle, aber doch verrückte Art schätzt und niemals hintergehen und verlassen würde.

Kennt ihr das, wenn man plötzlich den Faden verloren hat und einfach keinen Anschluss mehr findet an das zuvor Geschriebene? Vorher war alles noch in voller Fahrt und nun gähnender Abgrund. Nur einmal kurz aufs Handy geschaut.  – Mich fasziniert der Gedanke, dass das Internet, die Welt, die Köpfe sich immer mehr mit Wissen, Buchstaben, Geschichten füllen. Und dass immer noch was reinpasst. Haben wir alle ein bisschen Angst vor der Leere? Vor etwas Unausgefülltem? Der absichtsvollen Lücke. Der puren Möglichkeit. Es könnte. Alles. Sein.

Der Mensch muss etwas tun. Oder nur der Deutsche? Ich müsste dafür jetzt um die Welt reisen und das beobachten. Jahrelang. Jahrzehntelang. Was ich bisher gesehen habe, ist nicht ganz eindeutig, wenn es auch viel geschäftiges Treiben gibt. Aber es gibt auch ziemlich viele Lebewesen, die einfach nur rumsitzen. Und warten. Und vielleicht einfach diese Zeitleere aushalten. Vielleicht gehöre ich auch irgendwann mal zu ihnen. Wenn ich mich von Luft und Liebe ernähren werde zur Zeit meiner Rente. Wenn ich endlich der Erwartungszange entkommen sein werde und einfach nur da sein darf. Aber eigentlich wär’s dann ja doch auch schön, wenn man etwas zu beobachten hätte. Und wenn das nicht ganz so beliebig wäre und man das Leben beobachten könnte, wie es weitergeht. Wie die Kinder und Enkelkinder so um einen rumspringen und Rat und Fürsorge brauchen und man plötzlich wichtig und nicht austauschbar ist.

Das Problem ist, dass man vor lauter Nachdenken und pessimistischem Realismus vor Schreck keine romantischen Pläne mehr macht. Als meinereiner. Ich kann wirklich nicht nachempfinden, wie es sich anfühlen muss, wenn man einfach direkt hineinspringt und alles so macht wie die Anderen Jahrtausende vor einem. Nachwuchs. Das scheint dann doch ein aktuelles Thema bei mir zu sein und dreimal dürft ihr jetzt raten, wie alt ich bin. Und wenn das zu einfach ist, dürft ihr auch noch raten, was ich bisher beruflich so gemacht habe. Egal.

Wenn ihr bis hierher gelesen habt, habt ihr auf jeden Fall auch zu viel Zeit und versteht mich ein bisschen. Man wartet. Und doch nicht. Man ist schon zufrieden, aber, Moment, ist die Tatsache, Zeit zu haben, einen solchen Text wie diesen zu schreiben (oder zu lesen), schon ein Armutszeugnis an sich? Warum empfinde ich denn Zeit haben als so negativ? Nein, es ist, was man aus seiner Zeit macht. Nun gut. Es bringt die Menschheit vermutlich nicht weiter, jemandem zuzuschauen, wie er sich im Kreis dreht. Aber was, wenn man davon lernen kann? Ja, dann hätte man was davon. Das hieße aber auch wieder, dass es ein Ziel gibt. Und das Zeit genutzt werden muss. Ich bleibe aber vorerst dabei: Zeit ist einfach da.

2002.

Bist du jemals Gott gewesen
Warst du je dein eigner Herr
Willst du Tag für Tag erleben
Bist du, und sag, weißt du wer?

Weißt du, wie du gehen wolltest
Weißt du, was du sagen willst
Ist es deine Hand, die greifet
Ist es dein Mund, der das sagt?

Bitte nicht der andren Urteil
Geh voran, es ist dein Weg
Hier und jetzt kannst du entscheiden
Es liegt an dir, wohin die Reise geht.